Dem Himmel so nah

Majestix würde es in Neuseeland bestimmt nicht gefallen. Zwar gibt es auch hier diverse Köstlichkeiten zu schnabulieren, aus den heimischen Kräutern ließe sich so mancher Zaubertrank brauen und mit den kriegerischen Maori-Stämmen wären deftige Schlägereien wohl auf der Tagesordnung. Ein Blick zum Himmel jedoch, und Majestix könnte sich des schrecklichen Verdachts nicht erwehren, selbiger würde ihm auf den Kopf fallen.

Denn die Wolken hängen hier tief über dem Land, türmen sich zu  Gebirgen auf und verschlucken dabei so manch hohe Bergspitze. Wenn das Firmament über der Hawke’s Bay in Flammen lodert, wenn in den Marlborough Sounds dicke Nebelschwaden über dem Wasser wabern, wenn der Mount Taranaki in einer joghurt-ähnlichen Masse erstickt, ja, dann ist es tatsächlich so, als würde einem der Himmel auf den Kopf fallen.

Hawke’s Bay

Marlborough Sounds

Taranaki

Des Nachts ist das Dach der Welt dagegen weniger furchteinflößend, sondern löst baffes Staunen aus. Oft scheint es, als könne man die Sterne wie reife Früchte pflücken. Die Milchstraße reicht über das gesamte Himmelszelt und erstrahlt so voll, dass wir zum ersten Mal wirklich begreifen, warum sie ihren Namen trägt. Wie Kleckertropfen schweben die Magellanschen Wolken im Kosmos, und wenn nicht gerade Sternschnuppen herumsurren, erregen bislang unbekannte Sternbilder die Aufmerksamkeit.

Lake Tekapo (Quelle: http://www.terrastro.com)

Große Magellansche Wolke (Quelle: bucksnortobservatory.com)

Crux (Quelle: flickr.com/photos/astronomr/)

Schwer fällt es da, sich satt zu sehen. Und die Frage, ob dies einem gallischen Dorfvorsteher gefallen würde, interessiert nur noch peripher. Denn wer sich von seiner Gattin „Schnäuzelchen“ rufen lässt, der ist ohnehin kaum ernst zu nehmen:).


Knusper, Knusper, Knäuschen

Ok, ok, wir wissen, wir sind spät dran mit dem, was wir diesmal aufzuschreiben gedenken. Die Baumkronen hier in Neuseeland haben sich bereits gelichtet, es dämmert schon am frühen Abend, und der Regen kommt öfter als uns lieb sein kann. Soll heißen: Es ist Herbst. Opulente Sonnenstunden wie etwa noch vor einigen Wochen sind eher selten geworden.

Wenn aber die dickbauchigen Wolkenschiffe doch einmal abgezogen sind und es aufgleißt am Himmelszelt, dann erahnen wir es selbst jetzt noch – dieses Brennen, dieses fiese Beißen, so als schlüge eine Heerschar winziger Flammen ihre Zähnchen in unsere Haut.

Ja, mit Mutter Sonne ist in diesen Breitengeraden einfach nicht zu spaßen. Sie ist schuld daran, dass sich selbst die robusteste Plastikplane nach einer Weile pergamentartig zerbröselt. Ihr Werk ist es, dass Autolack irgendwann in Blasen abblättert. Auch unser Teint ist inzwischen jedenfalls kräftig nachgebräunt, so viel können wir sagen. Burn, Motherfucker, Burn, oder wie?

Nun ja, vor allem im Hochsommer zeigt die Skala des UV-Index für Neuseeland regelmäßig eine satte 11+ an. „Extreme“ heißt das. Wenig verwunderlich ist es da, dass wissenschaftlichen Studien zufolge das Risiko für den durchschnittlichen Kiwi, sich das „Magline Melanom“, eine besonders üble Variante von Hauptkrebs zu holen, bei 1 zu 15 liegt. Zum Vergleich: In Westeuropa beträgt es 1 zu 70.

Selbst auf jedem Volksfest anzutreffen: Die Sonnencreme

Für dieses krasse Missverhältnis gibt es mehrere Ursachen. Da wären zunächst einmal konstruktionstechnische Schwachstellen im Hinblick auf unseren Planeten. So umkreist die Erde die Sonne nicht kreisrund, sondern elliptisch. Dies bedingt ungleichmäßige Abstände: Am nächsten kommen sich beide im Dezember und Januar, dem neuseeländischen Sommer. Am weitesten entfernt voneinander sind sie wiederum im Juni und Juli, dem europäischen Sommer. Prinzipiell ist die Sonneneinstrahlung auf der Südhalbkugel also intensiver.

Eine weitere Rolle spielt die ungleiche Verteilung des UV-Strahlungsabsorbierers Ozon in den höheren Luftschichten. Interessanterweise erschöpft sich diese nicht nur im alljährlich über der Antarktis enstehenden Ozonloch: Aufgrund der unausgewogenen Land-Meer-Verteilung sind Luftturbulenzen in der südlichen Hemisphäre grundsätzlich weniger ausgeprägt als im Norden. Der Abtransport des sich vor allem über dem Äquator bildenden Ozon in Richtung Südpol gerät dadurch weniger fließend, die Atmosphäre ist folglich – wenn wir es denn richtig verstanden haben – weniger gesättigt.

Und schließlich wäre dann da noch die klare Inselbrise: Ihre im Vergleich zu, sagen wir, Peking größere Reinheit bedingt, dass UV-Strahlen relativ ungehindert die Erdoberfläche erreichen. Rechnungen der University of Waikato zufolge summieren sich all diese Faktoren zu einem knapp 40 Prozent höheren Einfall an UV-Strahlung. Man könnte also sagen, dass die Neuseeländer mit der Wahl ihres Wohnortes zumindest in dieser Hinsicht einen ziemlichen Griff ins Klo gelandet haben.

Allerdings, und damit kommen wir zu den anthropogenen Gründen für erhöhte Krebsraten: Die Kiwis pfeifen drauf. Denn ihr Lebenselixier ist das Herumtollen in der freien Natur, getragen von einem Selbstverständnis als wind- und wettergegerbtes Völkchen, dem kein Berg zu hoch, kein Wald zu undurchdringlich und kein Strand zu zugig ist. No worries, she’ll be right. Wir meinen: Wer selbst seine Einkäufe am liebsten barfuß erledigt – kann man von so jemanden erwarten, dass er sich bei schönstem Mützenwetter in lange Ärmel und Hosenbeine hüllt und Angst vor einem Sonnenbrand hat? Nope.

Die hiesige Krebsgesellschaft macht daher mit dem Daffodil-Day und allerlei Aufklärungsarbeit weitherin einiges Trarara. Und verbindet dies, ausgebufft, wie sie ist, zugleich mit dem Geschäftlichen: So hat sie eine eigene Sonnencreme-Linie mit unzähligen Sorten aufgelegt. Naja, wenn’s hilft. Wir haben jedenfalls keine Brandblasen abbekommen.

Soft eeegs, würde ein Kiwi  jetzt wohl sagen. Sagt nicht, wir hätten Euch nicht gewarnt, sagen wir. Selbst jetzt im Herbst.


Es kreucht und fleucht – Das Weka

Nicht zu fassen. Da wäre dieses freche Ding doch tatsächlich fast ins Auto gesprungen. Ob es die Kekse gewittert hat, die Schokolade oder das Gemüse? Wahrscheinlich alles zur gleichen Zeit. Zum Glück waren wir anwesend, anderenfalls hätten wir arg dezimierte Vorräte vorgefunden. Denn das freche Ding ist nicht wählerisch und hätte alles, was nur entfernt an Nahrung erinnert, verputzt. Besäße es einen entsprechend großen Schlund, es würde wohl auch einen Ochsen verschlingen – in einem Stück, versteht sich.

Bei dem frechen Ding handelt es sich um das Weka, auch Waldhuhn genannt. Ursprünglich durchstreifte es das dichte Unterholz Neuseelands und vertilgte alles, was ihm vor den kräftigen Schnabel kam. Ob Pflanzentriebe, Wurzeln, Würmer, Mäuse oder andere Vögel, das Weka fand für alles eine kulinarische Verwendung.

Im Laufe der Zeit jedoch erweiterte sich sein Speiseplan. Denn mit der touristischen Erschließung kamen die Camping- und Rastplätze mit ihren reich gedeckten Tischen. Das Weka mit seiner magengetriebenen Cleverness erkannte dies rasch und so schleicht es heuer vor allem auf der Südinsel immer wieder um Zelte und Reisemobile, all Zeit bereit, in einem unbeobachteten Moment zuzustoßen.

Aber was heißt schon unbeobachtet: Ob da nun ein Mensch steht, sitzt oder sonstwie rumlungert, ist dem Weka ziemlich schnurzpiepegal. Erst wenn der potentielle Futterlieferant Anstalten macht, sein Revier mittels ruckartigen Scheuchbewegungen zu verteidigen, trollt sich das flugunfähige Huhn auf flinken Beinen und mit wackelndem Hintern in umliegende Gebüsche – nur um Sekunden später, den fetten Braten noch immer vor Augen, einen neuen Versuch zu starten in der Hoffnung, diesmal mit weniger Aufmerksamkeit bedacht zu werden.

Wir selbst mussten auf diese Weise angepickten Käse hinnehmen oder völlig zerrupfte Mülltüten zusammenkehren. Grund zur Klage ist das nicht, hat es andere doch schon schlimmer erwischt. So berichten Holzfäller und Jäger, dass ihnen schon Uhren, Besteck oder gar Geldmünzen abhanden kamen. Dieb war jedes Mal das Weka.

Was es damit wohl angestellt hat, weißt kein Mensch. Wir glauben, dass es im Widerschein von Gold und Silber seinen fetten Wanst bestaunt. Oder aber, und das ist die wahrscheinlichere Variante, an einem bislang unentdeckten Strand existiert ein Schwarzmarkt der Tiere. Das Weka spart nun, um irgendwann einmal dem Orca sein großes Maul abzukaufen. Dann könnte es endlich einen dieser leckeren Ochsen verdrücken – in einem Stück, versteht sich.


Hiking-Hits

Hiermit eine neue Folge unserer beliebten Reihe „Hits für jede Gelegenheit“. Ob auf der Tongariro Northern Circuit, dem Abel Tasman und Kepler Track oder aber auch nur für den Spaziergang durch den Park – folgende Platten und/oder Songs haben sich unserer Meinung nach als musikalische Untermalung für die Fortbewegung zu Fuß als tauglich erwiesen.

Lucky Dube – diverse

Pearl Jam – Twenty (Disc 2: Rarities and Inspiration)

Envy – Insomniac Doze

Ufomammut – Eve

At the Drive-In – In Relationship of Command

Into the Wild – O.S.T.

Aloe Blacc – Good Things

Led Zeppelin – Whole Lotta Love (Song)

Isis – Dulcinea

Marteria – Endboss

Probiert’s mal aus and have fun:)!


Schnitzereien in Fleisch

Das erste Mal begegneten wir ihnen in Ruatoria, ganz im Osten Neuseelands. Sicher, wir hatten zuvor schon von ihnen gelesen, in Museen Gemälde von ihnen gesehen und natürlich hatten wir sie in unserer Fantasie ausgemalt. Doch das war allenfalls eine Ahnung im Vergleich zu dem, was uns hier, im Kernland des Stammes der Ngati Porou, leibhaftig entgegenprangte: Moko, die Tattoo-Kunst der Maori. Lanzen- und fächerartige Linien durchflossen die Stirnen der Männer, Spiralen und Blattmuster verwirbelten sich um ihre Augen und auf ihren Wangen. Bei den Frauen umspielten Ornamente das Kinn, zuweilen waren auch Nasenflügel und Ohrläppchen kunstvoll verziert. Ein sagenhafter und ehrfurchtgebietender Anblick, der ohne Umschweife vermittelte: Hier geht es um mehr als nur Schmuck.

Tatsächlich ist ein Moko nur im Ansatz vergleichbar mit, sagen wir, einem aufs Schulterblatt tatöwiertem Drachen oder Totenschädel. Ein Moko geht sehr viel tiefer: In ihm spiegelt sich, dem traditionellen Verständnis folgend, nicht nur das Individuum, sondern auch dessen Ursprung. Es ist folglich ein universelles Abbild seiner Lebensgeschichte, das den Träger selbst, aber auch seinen Stammbaum (= whakapapa) reflektiert.

Das muss nicht zwangsläufig im Gesicht geschehen, wurden und werden Mokos doch auch auf so ziemlich jeder anderen Körperstelle getragen, vom Oberarm bis hin zur Arschbacke, wo sie vor Jahrhunderten ob ihrer Größe den Kriegern als Einschüchterungsmittel des Feindes dienten. Am Kopf jedoch, dem kulturell heiligsten Teil des Körpers, ist ein Moko das ultimative Statement, gerät es quasi zu einem zweiten Gesicht, mit dem sich ein Maori als solcher identifiziert und verortet.

Das System, nach dem dieses geschieht, erscheint für Außenstehende reichlich kompliziert. So ist ein Gesichtsmoko unterteilt in insgesamt acht Sektionen, jede mit einer bestimmten Funktion. In der Mitte der Stirn beispielsweise zeigt sich der Rang des Trägers innerhalb der Stammeshierarchie, an den Schläfen die Familiengeschichte väterlicher- und mütterlicherseits, auf den Wangen wiederum der jeweilige Beruf des Trägers.

Bei derartig bedeutungsschwangerer Symbolik verwundert es nicht, dass auch die Prozedur für das Anfertigen eines solchen Mokos nur eingeschränkt mit der einer konventionellen Tätowierung vergleichbar ist. Nicht nur, dass der Träger sich zuvor mittels Ritualen darauf vorbereitet – auch die Technik ist verschieden. So haben die Maori ihre an Kanus, Statuen und Versammlungshäusern entwickelte Schnitzkunst gewissermaßen auf das Fleisch übertragen: Ihre Tattoos werden nicht mit Nadelstichen in die Haut eingebracht, sondern in einer stundenlangen Sitzung mit kleinen Klingen und Hämmerchen unter dieselbe eingeschnitten. Wie war das noch? Ach ja, ein Moko geht tief.

Die Schmerzen, die das verursacht, möchten wir uns lieber nicht vorstellen. Das Resultat ist jedoch umso eindrucksvoller, denn durch die so verursachten Narben werden die Zeichnungen reliefartig unterstützt – eine Art 3-D-Tätowierung. Einige Kolonialisten fanden das derart faszinierend, das sie Schrumpfkopf-Sammlungen anlegten, um Mokos besser studieren zu können. Ganz schön gruselig.

Ihre Prophezeiung, dass die Moko-Tradition mit fortschreitender Europäisierung aussterben würde, trat jedoch nur eingeschränkt ein, obwohl es zwischenzeitlich ganz danach aussah. Zwar haben die Motive an sich deutlich wahrnehmbare Spuren in und außerhalb Neuseelands hinterlassen (man sehe sich z.B. mal den linken Oberarm von Robbie Williams an). Die puristische Variante samt ihres Sinngehalts dagegen stand in der Tat kurz vor dem Exitus.

Aber eben nur kurz: Mittlerweile berichten zeitgenössische Tätowierer, dass Kunden mit Maori-Hintergrund, die vor wenigen Jahren lieber die Logos ihrer Gangs eingehackt haben wollten, sich zunehmend auf ihre Wurzeln besinnen. Einige bestehen trotz modernen Stechequipments sogar auf der klassischen Klingenmethode. Wir finden das super, kann man Mokos dadurch doch auch in Zukunft bewundern. Und zwar nicht im Schrumpfkopfmuseum.


Es kreucht und fleucht – die Sandfly

„Verdammte Sandflies“ – das sind die zwei wohl am häufigsten benutzen Worte, wenn man an der Westküste Neuseelands unterwegs ist.  Wer hier ohne Bisse davon kommt, ist entweder einheimisch oder hat sich bestens vorbereitet.

Denn die bis zu 4mm kleinen, schwarzen Fliegen, die zur Gattung der Ceratopogonidae gehören, zu der unter anderem auch die schottischen Midges sowie die in Deutschland heimischen Gnitzen zählen, finden sich hier und im Fiordland in mehr oder minder großen Schwärmen und können dem unbedarften Touristen das Genießen der landschaftlichen Schönheit durchaus erschweren.

Angriff

Einer Maori-Legende zufolge ist dies auch genau der Grund für die Existenz der Namu (so der Maori-Name für diese Unterart der black fly, die im eigentlichen Sinne nicht zu den Sandfliegen gehört):

Halbgott Tuterakiwhanoa nutzte seine Krummaxt Te Hamo, um das bei ihm in Auftrag gegebene Fiordland zu erschaffen. Zunächst schlug er Vertiefungen in das Land, begleitet von Beschwörungen und der Hilfe der vier Seegötter. Durch die finale Bearbeitung der Felsküste strömte das Meer hinein, wobei lange, sich windende Meeresarme sowie einzelne Inseln entstanden, die Schutz vor der rauhen See bieten sollten. Den Höhepunkt seiner Arbeit stellt dabei der Piopiotahi (besser bekannt als Milford Sound) dar.

Als die Göttin der Unterwelt Hinenuitepo die Schönheit der Fjorde bemerkte, befürchtete sie, Besucher würden die Gegend nie wieder verlassen wollen. So erschuf sie die Sandflies, um die Menschen zum Weiterziehen  zu  bewegen.

Sandflies finden sich jedoch nicht nur im Westen Neuseelands, sondern überall, wo es Fließwasser und Regenwald, Strand, Seen oder Sümpfe gibt. Das Männchen, über das relativ wenig bekannt ist, lebt vegetarisch von Nektar und Pflanzensäften. Ganz im Gegensatz zum Weibchen, das vor allem aus Gründen der Fortpflanzung zum Blutsauger wird. Denn es braucht den tierischen und/oder menschlichen Körpersaft, um Eier zu produzieren, aus denen dann innerhalb weniger Tage die Larven schlüpfen.

Um an die blutige Mahlzeit zu kommen, nutzt die weibliche Sandfly ihre Beißwerkzeuge, die sich in die Haut des Opfers bohren, um einen Blutstropfen entstehen zu lassen, den sie sodann aufsaugt. Besonders gern tut sie das in der Morgen- bzw. Abenddämmerung, da sie nachtblind ist und deshalb in der Dunkelheit eher nicht zuschlägt.

Resultat einer solchen Saugattacke sind kleine, wirklich stark juckende Bisse, die sich, wenn man sich das Kratzen nicht verkneifen kann, böse entzünden können. Bleibt man jedoch standhaft, hört das Jucken nach einigen Minuten auf und von der Bissstelle ist kaum noch etwas zu sehen.

Wie eingangs schon angedeutet bleiben die Einheimischen so gut wie verschont, Touristen allerdings werden um eine Sandfly-Erfahrung nicht herumkommen. Warum das so ist, bleibt allerdings rätselhaft.

Um sich, so gut es geht, vor den lästigen, kleinen Saugetierchen zu schützen, gibt es verschiedenste Tipps und Mittelchen. Am einfachsten ist es, lange Kleidung zu tragen und die frei bleibenden Hautpartien mit einem Insektenmittel einzureiben. Ob man dabei auf natürliche Essenzen wie Teebaumöl oder Citronella setzt, oder doch lieber die Chemokeule DEET (kurz für Diethyl Toluamide) verwendet, bleibt letztlich jedem selbst überlassen.

Die Maori-Variante bestand übrigens aus Öl und Kokowai (Roteisenstein), während die Goldgräber in den 1860er Jahren auf ranzigen Schinken zurück griffen. Tja, wenn’s hilft…


Wenn der Postmann einmal klingelt…Folge 4

Künstler, Bastler und ideenreiche Haus- und damit auch Briefkastenbesitzer hin oder her: Wir wollen Euch hier ja
nichts vormachen und unser Versprechen einhalten, dass wir am Anfang dieser Serie gemacht haben.

In dieser Folge nun präsentieren wir Euch die „dunkle“ Seite der kleinen Briefauffangbehälter, quasi eine Hitliste der Häßlichkeit

 

 

 

 

 

Aber seid nicht traurig, beim nächsten Mal geht’s wieder bunt und fantasievoll zu.


Working-Hits

Arbeit ist das halbe Leben, so sagt man ja leider. Auch wir müssen uns in Neuseeland immer mal wieder abplacken. Allerdings geht das Ganze nach unseren Erfahrungen hier leichter von der Hand, wenn man die richtige Musike im Ohr hat. Wir können daher folgende Linderungen des Leids empfehlen:

Between The Buried And Me – Colors

Cat Stevens – Greatest Hits

Green Day – American Idiot

Kenny Burrell – Midnight Blue

Silverchair – Frogstomp

Chimaira – Pass Out Of Existence

Mutabor – Es gibt keine Liebe (Song)

Massive Attack – Mezzanine

King Crimson – Islands

Und natürlich Hauraki Amped, der Radiosender mit den Maximum-Rock-Hits der 70er, 80er und 00er, aber vor allem 90er Jahre (Livestream hier).

Na denn, fröhliches Schuften, Freunde!


„Whakaeteete mai ko Hikurangi…“

Kurz vor halb fünf glimmt es auf am Horizont. Gleißend schält sich die Sonne aus dem Ozean und malt den Himmel an. Glühendes Rot, leuchtendes Orange, auslaufend in sanftem Blau und Violett. Und als wäre das an sich nicht schon sensationell schön genug, sind wir an diesem Morgen wohl auch noch weltweit die ersten, die jenes Schauspiel bewundern dürfen. Hier, an den Flanken des Mount Hikurangi im Nordosten Neuseelands, jenem Ort, der laut Reiseliteratur zuerst vom Licht eines neuen Tages getroffen wird.

Zwar gibt es Gelehrte, die behaupten, dieser Superlativ gebühre tatsächlich dem Caroline-Atoll in Kiribati oder den Chatham Islands im Südosten Neuseelands. Aber derlei Erbsenzählerei ignorieren wir an diesem frisch geschlüpften Tag geflissentlich. Denn er fühlt sich gut an, so neu und funkelnd, so unverbraucht.

Und überhaupt: Jene Eilande haben bestimmt keine jener imposanten Whakairo zu bieten, die uns, kreisförmig aufgestellt, stumme Gesellschaft leisten. Neun sind es an der Zahl, aus verwitterndem Holz geschnitzt, in ihrer Gesamtheit Te Takapau a Māui genannt.

Licht bricht durch das östlich gelegene Te Waha-o-Rūaumoko, dem Eingangstor zur Höhle des Wissens, und spiegelt sich in den Perlmutt-Augen von Māui-tikitiki-a-Taranga, dem  sagenumwobenen Halbgott und Forschergeist. Dann sind da noch Irawhaaki, der würdevolle Vater Māuis, sowie Hine-rau-mā-ukuuku, die Gattin des Halbgottes, deren Gesicht als einziges nach außen gewandt ist und damit die Besucher der Whakairo willkommen heißt. Die Szenerie ist schier überwältigend.

Hine-rau-mā-ukuuku, Māui-tikitiki-a-Taranga und Dani im Morgengrauen

Spätestens jetzt spüren wir, dass der Hikurangi tapu, d.h. ein heiliger Ort ist. Denn die Whakairo stehen nicht zufällig hier. Vielmehr spiegelt sich in ihnen die überlieferte Stammesgeschichte der Ngati Porou, jenes Maori-Volkes, das seit Jahrhunderten hier siedelt und Māui als direkten Vorfahren begreift. Für sie ist der Hikurangi nicht irgendein Berg, sondern vielmehr das steinerne Monument ihrer Herkunft und der Geburt Aotearoas, dem Land der langen, weißen Wolke:

In grauer Vorzeit, als dort, wo heute Neuseeland aus dem Meer aufragt, der Ozean noch ungebrochen gurgelte, stach Māui mit seinen Brüdern in See, um zu fischen. Seinen Angelhaken hatte er aus dem Kieferknochen der zaubernden Großmutter geschnitzt. Als Köder benutzte er das Blut aus der eigenen Nase. Eine äußerst ungewöhnliche, aber auch erfolgreiche Methode, denn alsbald zerrte ein dicker Brocken an der Leine. Nach langem Kampf zog Māui schließlich einen gewaltigen Fisch aus dem Wasser, der zur Nordinsel Neuseelands erstarrte.

Den Ngati Porou zufolge war der Hikurangi der erste Teil, der damals aus dem Meer stieg. Nukutaimemeha, das Kanu Māuis, strandete darauf und ruht seitdem im Felsmassiv des Berges. „Hutia!“, heißt es dazu im Haka der Ngati Porou. „Ka eke kei runga. Whakaeteete mai ko Hikurangi. Te maunga rongonui, e rongo nei nga iwi.“ (etwa: „Zieh! Es steigt an die Oberfläche. Hikurangi bricht durch. Der berühmte Berg, bekannt bei allen Leuten.“)

Doch der Hikurangi ist nicht der einzige Steinkoloss Neuseelands, um den sich derartige Legenden ranken. Tatsächlich spürten und spüren die Maori aller Landesteile eine tief wurzelnde spirituelle Verbindung zu ihren jeweiligen Gebirgszügen, was sich in fantastischen Geschichten ausdrückt.

Da ist zum Beispiel die Sage um Aoraki (= Mt. Cook), mit 3754 Metern der höchste Punkt Neuseelands. Demnach zog ein Jüngling gleichen Namens, überdies Sohn des Urgottes und Himmelsvaters Rangi, mit seinen drei Brüdern aus, um Papatuanuku, die Mutter Erde, zu erkunden. Doch ihr Kanu strandete auf einem Riff. Um es vor dem Umkippen zu bewahren, kletterten die Geschwister auf den Bug. Unglücklicherweise stürmte ein kalter Südwind heran, so dass die Vier bald zu Eis gefroren. Und so stehen sie noch heute da – Aoraki zu schwindelerregendem Fels ausgehärtet, seine Brüder in die Kā Tiritiri o te Moana alias Südalpen verwandelt, ihr Kanu zur Südinsel versteinert.

Derartige Mythen waren und sind für die Maori keineswegs nur Lagerfeuergeschichten, sondern vielmehr Blaupausen der eigenen Identität. „Unsere Vorfahren setzten nicht die Natur mit dem Menschen, sondern den Menschen mit der Natur gleich“, schrieb beispielsweise Sir Hepi Te Heuheu, Häuptling der Ngati Tuwharetoa. Dem Glauben der Maori zufolge entspringt alles denselben Eltern – Papatuanuku, der Mutter Erde, und Rangi, dem Vater Himmel. „Durch dieses Band zusammengehalten begreifen wir die Berge als unsere Ahnen. […] Für uns sind sie Symbole, die ein wahrer Anführer anstreben sollte – Erhabenheit, Majestät, Autorität.“

Im Falle der Ngati Tuwharetoa sind die Gipfel des Tongariro-Massivs die Objekte dieser Demut. So weit ging der Respekt in der Vergangenheit, so tapu waren der Vulkan Tongariro und seine Krone Ngaurohoe, dass es zeitweise gar unter Strafe verboten war, sie überhaupt anzuschauen. Entsprechend empört waren die Reaktionen, als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Pakehas (= Einwanderer aus Europa) ohne Absprache mit ihren Klettertouren begannen. „Häuptling Mananui war in keiner guten Stimmung“, heißt es in den Aufzeichnungen John Bidwills, der als erster Europäer den Tongariro bestieg. „Plötzlich erhob er sich aus seinem Sessel, begann auf und abzulaufen, mit dem Fuß zu stampfen, […] und redete sich in eine schreckliche Wut.“

Ngaurohoe, Krone des Tongariro

Infolge dieser undiplomatischen Vorgehensweise sperrten sich die Ngati Tuwharetoa lange Zeit gegen weitere Pakeha-Expeditionen. Doch anhaltende Konflikte mit anderen Maori-Völkern sowie die unaufhaltsame Ausbreitung europäischer Gesetze und Kultur zwangen den Stamm schließlich zur Aufweichung seiner Position: Im Jahre 1887 entschied der damalige Häuptling Horonuko, das Tongariro-Massiv der englischen Krone und dem neuseeländischen Volk zu stiften. Für ihn ein Akt der Gesichtswahrung: Die Berge samt angrenzender Ländereien drohten, in private Hände zu fallen, was für die Tuwharatoa den Verlust ihres mana, d.h. ihrer spirituellen Verfügungsgewalt über die Region bedeutet hätte.

Heute ist das Tongariro-Massiv Herzstück eines öffentlich verwalteten Nationalparks, der von der Unesco sowohl als Weltkultur- als auch -naturerbe geführt wird – eine echte Seltenheit. Damit jedem der Hunderttausenden von Besuchern, die es jedes Jahr in die bizarre Vulkanlandschaft zieht, die das tapu begründende Legende um die Berge auch bewusst ist – und es sich hierbei ebenfalls um ein einfach tolles Märchen handelt – erzählen wir es hier einfach noch einmal:

Als die Erde noch jung war, siedelten vier Bergkrieger am See Taupo im Zentrum der Nordinsel Aotearoas – Tongariro, Taranaki, Tauhara und Putauaki. Zudem war noch eine hübsche Bergmaid mit Namen Pihanga zugegen. Die Krieger begehrten ihre Gunst, und es entbrannte ein Kampf, in dessen Folge die Landschaft mit Feuersbrünsten und Regen aus Felsgestein verheert wurde.

Tongariro gewann die schreckliche Schlacht und Pihanga für sich. Die Unterlegenen debattierten, was zu tun sei, und kamen überein, die Region des Nachts zu verlassen – der einzigen Zeit, in der Geister und Berge reisen können. Putauaki zog nach Osten in die Bay of Plenty und thront nun dort in der Nähe des Städtchens Kawerau. Tauhara kam nur langsam voran, da er immer wieder schmachtende Blicke zurück warf, und hatte bei Tagesanbruch lediglich das Südufer des Sees erreicht.

Taranaki, der mächtigste von ihnen, dagegen eilte in seinem Furor weit in den Westen. Auf seiner Fahrt riss er eine gewaltige Schneise, die Schlucht des heutigen Whanganui River. Erst an der Küste kam er schließlich zum Stehen und wacht dort seitdem über den Untergang der Sonne. Immer wieder jedoch schaut er zurück auf Tongariro und Pihanga – bereit, irgendwann zurückzukehren und Rache zu üben.


Ach, wären wir doch Shiva!

Die Hawke’s Bay platzt aus allen Nähten. Zu Tausenden haben sich die Rucksacktouristen aus aller Welt eingefunden, um sich am Nabel der neuseeländischen Obstindustrie auf einer der zahllosen Apfel-, Pflaumen-, Blaubeeren- oder Kirschplantagen zu verdingen.

Blöderweise ist der Frühling in diesem Jahr reichlich spät dran. Nur langsam ist das Obst daher bereit, seinen jeweiligen Fruchtkörper aus der Blüte zu erheben. Und so ergeht sich das ausländische  Arbeitspotential in den Hostels von Napier, Hastings und Havelock North im Müßiggang, jeden Tag mit der Hoffnung, das Telefon möge doch endlich die ersehnte Nachricht vom Job im Gartenbau herbeiklingeln.

Auch wir erlebten es so – und hatten Glück: Während die anderen wohl noch warten, dürfen wir uns bereits abplacken. Wir sind bei einem Apfelbauern als „Thinner“ tätig. Die Stellenbeschreibung lautet in etwa so: Kurz nach dem ersten Hahnenschrei rollen wir durch das Eingangstor der Plantage, schier endlose Baumreihen im noch müden Blick. Minuten später kämmen sich unsere Finger bereits durch die ersten Äste und ertasten ganze Trauben junger Äpfel. Daumen, Zeige- und Ringfinger legen sich um die Früchtchen, es macht Klick-Klick-Klick, und ein Großteil von ihnen purzelt zu Boden.

Vorher

Nachher

So geht es dann weiter, Baum um Baum, Stunde um Stunde, vom Boden wie von der Leiter aus. Der Thinn (höhö) dieser Prozedur ist ein multipler: Es geht zunächst um Entlastung. Würde all den Äpfelchen weiterhin das Wachsen erlaubt, bräche das nicht nur über kurz oder lang die Äste, sondern auch die Fruchtbarkeit des Baumes. In freier Wildbahn, dort, wo die Äpfel zu Boden fallen und wieder verrotten, wird der Baum von seinen Kinderchen quasi wieder rückgefüttert. Im menschlichen Obstbetrieb, dort, wo die Äpfel gepflückt und verschifft werden, fehlt diese Rückkopplung, so dass der Baum, soll er jedes Jahr Erträge bringen, in seiner Schöpfungskraft gebremst werden muss – soll heißen: er darf nur so viel Früchte produzieren wie mit seiner Erholungsphase im Winter vereinbar sind.

Zudem sollen die Äpfel natürlich süß, knackig und vor allem groß werden. Sind aber zu viele auf einem Haufen, behindern sie sich gegenseitig im Wachstum.

Thinning heißt also: Runter mit denen, die zu klein, zu krank oder einfach im Weg sind. Man könnte uns daher fast Obstdarwinisten nennen – brutal, eiskalt, herzlos. Und das sollen wir auch noch möglichst schnell sein. Denn bezahlt werden wir pro fertig gethinntem Baum. Und hier beginnt das oben noch besungene Glück brüchig zu werden: In unserem Fall reicht das nämlich hinten und vorne nicht. Bislang kommen im Schnitt für einen neunstündigen Arbeitstag maximal 80 Kiwi-Dollarse rum. Ein ziemlicher Witz.

„Ihr habt das Pech, dass in diesem Jahr keiner von den alten Hasen dabei ist, von dem Ihr Euch ein paar Tricks abschauen könnt“, sagt Kelly, unser Vorarbeiter. Zum Beispiel John George. Heuer hat er es leider mit dem Rücken. Davor allerdings hat der mit Thinnen bis zu 300 Öcken am Tag gemacht. „Wie bitte?“ „Ja, der ist den ganzen Tag nur gerannt. Und seine Leiter, die hat er nicht aufgestellt, sondern aufgeworfen.“ Mehr noch: John George soll von der Leiter manchmal gar nicht erst runter geklettert sein, sondern sich mit ihr wie auf Stelzen von einem Baum zum anderen fortbewegt haben. Wirklich schade, das hätten wir in der Tat zu gern gesehen. Und vielleicht auch nachgemacht.

Auch unsere Nachfolger im nächsten Jahr dürften nur geringe Chancen haben, dieses Schauspiel zu erleben. Denn Kelly sagt, dass das alte schlitzohrige Thinner-Handwerk wohl ausstirbt. „Die jungen Leute aus der Gegend haben einfach keine Lust, das Jahr für Jahr zu machen und sich dabei die Kunstgriffe draufzuschaffen.“ Zwar sind auf unserer Plantage auch ein paar lokale Jugendliche unterwegs, aber die machen das wohl nur, um sich ein Extra-Taschengeld zu verdienen. Jedenfalls schnaufen sie ähnlich wie wir, ohne wirklich von der Stelle zu kommen.

Um den Laden trotzdem am Laufen zu halten, setzen die Plantagen daher schon seit längerem auf übergeschnappte Leute aus dem Ausland, die denken, sie könnten mit dem Thinning endlich wieder die maroden Reisefinanzen polieren – Leute wie uns also. Die Folge sind jedoch steigende Kosten, da solche Grünschnäbel eben nur im Schneckentempo arbeiten sowie mehr Schäden an den Bäumen verursachen. Eine missliche Lage.

Wir hätten da allerdings eine Idee. Denn wenn beschlagene Thinner fehlen, muss man sie sich eben bauen. Unserer Meinung müsste die Architektur eine Mischung aus Shiva, dem stieläugigen Monster T’hon Haargh von Mysterium und einem Flamingo sein. Also macht Euch mal daran, Genetiker dieser Welt, anstatt irgendwelche Biokampfstoffe zu züchten! Denn dann könnten wir uns nen Fetten mit den Patentgebühren machen und müssten NIE WIEDER Applethinning betreiben.

In etwa so

Schön wär’s ja. So aber müssen wir morgen wieder zur Arbeit.